Donnerstag, 15. Oktober 2015

Herbstzauber und Höhenangst: Wellness-Abenteuer Harz

Raufkraxeln trotz Höhenangst: Josephskreuz im Harz (Foto: © Maike Grunwald)
(Bilder des Tages, Berlin, Maike Grunwald) Der Herbstwind zerrt an meinen Kleidern und pfeift in meinen Ohren. Mein Herz rast. Ich klammere mich am schmiedeeisernen Geländer fest und klettere weiter zur Aussichtsplattform des größten eisernen Doppelkreuzes der Welt. Hier lernen Atheisten das Beten.


Wendeltreppe auf dem Vulkan

Blick auf halber Höhe vom Josephskreuz im Harz (Foto: © Maike Grunwald)
Das Josephskreuz von Karl Friedrich Schinkel, abgebrannt und 1896 aus Eisen wieder aufgebaut, ist 38 Meter hoch und aus Ziergittern geschmiedet. Wände gibt es nicht. Die 200-Stufen-Wendeltreppe ist offen. 100.000 Nieten halten die Konstruktion zusammen. Nur nicht nach unten sehen! Um mich herum ist nichts als Luft, der Horizont, dann, in schwindelnder Tiefe der Wald. Der Turm thront auf dem Gipfel des Großen Auerberg, ein 579 Meter hoher ehemaliger Vulkan im Südharz.

Oben angekommen stockt mir der Atem. Ungebremst fällt der Blick auf die umliegenden Wälder: Herbstlaub in leuchtenden Farben, gemustert mit grünen Nadelbäumen. In der Ferne der Brocken. Lange stehe ich da und genieße den beflügelnden Ausblick. Gut, dass mir meine Höhenangst erst eingefallen ist, als es schon zu spät zum Umkehren war.


Überlebt! Der Adrenalinkick hält an (Foto: © Maike Grunwald)

Wo Straßen, Türme und Würste singen


„Wenn der Wald bunt ist, ist der Blick am schönsten“
, schwärmt Kathrin Hohmann, Wirtin des „Bergstüb'l“ am Fuße des Josephskreuz. Wenn die „Turmfrauen“ frei haben, verwaltet sie die Eintrittsgelder, sperrt den Zugang bei Gewitter und fegt im Winter den Schnee von den eisernen Stufen. Turm und Gaststätte sind auch bei den Einheimischen beliebt und ganzjährig geöffnet, nur im November pausiert das Wirtshaus. „Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit, wenn der Wind die Wolken über den Himmel jagt und den Turm zum Singen bringt“, sagt die Wirtin des Familienbetriebs. Singen können auch die „Stolberger Lerchen“: Würste, die in der Pfanne pfeifen wie Vögel.

Ich singe lauter als jede Wurst, als ich die „Straße der Lieder“ hinabsteige. Der steile Waldwanderweg zwischen Josephshöhe und Schindelbruch ist mit zwölf Holztafeln gesäumt, auf denen immer die erste Strophe eines Volksliedes steht, dazu stets die Aufforderung: „Sing mit!“. Ich nehme das ernst. Hier hört mich ja keiner, und die gesunde Luft tut so gut hier im Wald oberhalb des Luftkurorts Stolberg im Harz.


So malerisch: Stolberg im Harz (Foto: © Maike Grunwald)

Wellness für Körper, Seele und Gewissen

Am Schindelbruch tauche ich ein in die Wellness-Welt des Naturresorts. Das frisch restaurierte und erweiterte Hotel mit Öko-Teich und naturnahen Gärten liegt mitten im Wald am Hang des Auerbergs, 15 Gehminuten unterhalb des Josephskreuzes, eine Wanderstunde oberhalb von Stolberg. Es hat kürzlich als erstes klimaneutrales Hotel in Mitteldeutschland eröffnet und schon etliche Auszeichnungen bekommen, darunter das EMAS-Zertifikat der EU für Umweltengagement, den Spa-Award des Wellness-Guides RELAX und eine HolidayCheck-Ehrung von Hotelgästen.

Wellness-Oase mitten im Wald: Naturresort Schindelbruch (Foto: © www.schindelbruch.de)
Ein Wellness-Paket ist hier mit ab 207 Euro pro Person für ein ganzes Wochenende wirklich bezahlbar. Hotel-Direktorin Susanne Kiefer bietet ihren Gästen „Wellness auf höchstem Niveau, gepaart mit ökologischer Vernunft“: Das Schindelbruch Resort hat eine ressourcensparende Ausstattung mit eigenem Wasseraufbereitungssystem und Solarzellen auf den Dächern, wird mit 100 Prozent Ökostrom betrieben und bis ins Detail ökologisch geführt. „Natürlich reicht das nicht, um komplett klimaneutral zu sein“, gibt Kiefer zu. „Um das zu erreichen, kompensieren wir zusätzlich über Klimaschutzprogramme.“


Kräuterstempel und verzauberte Prinzen


Nach dem Abendessen – regionale Köstlichkeiten und vegetarische Leckereien – wandele ich im flauschig-warmen Bademantel durch das „Sauna-Dorf“ auf dem Gelände des Resorts. Vier verschiedene Saunen sind um einen hölzernen „Dorfplatz“ gruppiert. Bänke mit Holzkübeln laden zum Fußbad an der frischen Luft mit Blick auf das knisternd warme Abendfeuer ein. Im Badehaus locken das großzügige Schwimmbad „Waldquell“ mit 30 Grad warmen Wasser sowie mehrere Ruheräume. Himmlische Stille! Für Familien mit Kindern unter 14 Jahren gibt es ein Extra-Schwimmbad namens „Wildwasser“.

Im Ruheraum „Moosbett“ entspanne ich, bis ich zum Kräuterstempel-Ritual gerufen werde. Ein basisches Kräuter-Fußbad, dann beginnt die entschlackende Ganzkörpermassage im Liegen. Zuerst bekommt mein rechtes Bein eine Massage mit warmen Ingweröl, dessen Kraft zusätzliche Tiefenwärme spendet. Auf das Öl streut die Spa-Fee basisches Salz für das Peeling. Es folgt die Massage mit heißen Kräuterstempeln: kleine Kräuterkissen, angewandt mit sanftem Druck. Das ganze Ritual wird mit dem linken Bein wiederholt, mit dem rechten Arm, dem linken, Rumpf, Rücken, Nacken. Nach einer Stunde bin ich so entspannt, dass ich kaum den abschließenden Kräutertee zum Mund heben kann. Im Duftgarten sinke ich in eine Liege. Ein Feuersalamander leuchtet auf, wie Reklame für das heile Ökosystem im Naturresort. Dann hüpft ein kleiner Frosch vorbei.


Kleiner Molch im Kräutergarten (Foto: © Maike Grunwald)

 Hexen und Höhlen

Nette Hexen vor einem Laden in Stolberg (Foto: © Maike Grunwald)
Am nächsten Tag habe ich die Qual der Wahl: Das Wanderwege-Netz erkunden, in das Farbenspiel des Waldes eintauchen? Das Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz hat viel zu bieten. Vielleicht einen Ausflug machen? Die „Heimkehle“ besuchen, Deutschlands größte Gips- und Anhydritschauhöhle? Oder das berühmte monumentale Kyffhäuser-Denkmal? Ich könnte auch den ganzen Tag im Wellness-Paradies verträumen.


Schließlich gewinnt der Waldspaziergang hinunter in das romantische Städtchen Stolberg. Nach einer knappen Stunde liegt es vor mir: Fachwerkhäuschen, so weit das Auge reicht. Über den Dächern thront das Schloss. Mit dem geschlossen erhaltenen spätmittelalterlichen Stadtbild ist Stolberg so einzigartig, dass es den Titel „Historische Europastadt“ erhielt. Aus den Schaufenstern der kleinen Läden blicken kleine Hexen-Puppen. Ein Ort wie im Märchen.

Oben im Stolberger Schloss: Blick auf den malerischen Luftkurort (Foto: © Maike Grunwald)


Silbermünzen und Gold für den Gaumen


Bei aller Beschaulichkeit blickt die einstige Residenzstadt des Grafen zu Stolberg auf eine reiche Geschichte zurück. Sie war Wirkungsstätte Martin Luthers, aber auch Geburtstadt seines Gegenspielers, dem Revolutionär Thomas Münzer. Schon im 12. Jahrhundert war Stolberg mit seinen umliegenden Silberminen wichtige Münzstadt; im 16. Jahrhundert Zankapfel zwischen den Stolberger Grafen und den Fürsten von Anhalt. All dies erfahre ich im liebevoll gestalteten Stadtmuseum „Alte Münze“, eingerichtet in einem der schönsten Fachwerkhäuser Stolbergs mit einer feinen Münzausstellung und einer Schauwerkstatt für das Prägen von Münzen auf historische Weise.



Gold für der Gaumen finden Genießer nebenan im Café der Traditionsbäckerei und -konditorei „Friwi“. Der Name steht für Friedrich Witte, der 1891 in dem mittelalterlichen Fachwerkhaus eine Bäckerei eröffnete. Seine Ur-Ur-Enkelin Nadja Witte, die mit ihrem Vater den enteigneten Familienbetrieb sofort nach der Wende zurückkaufte, verwendet bis heute die alten Rezepte: wundervolle Weihnachtsprinten, „Sultanzwieback“ mit Sultaninen, „Hexensplitter“ aus Mandeln und Schokolade. 


Handarbeit: In der Traditions-Konditorei Friwi (Foto: © Maike Grunwald)

Dazu komponierte sie neue Kreationen von Plätzchen, Pralinen, Kuchen und Schokoladen, hergestellt in Handarbeit in der Manufaktur nebenan. „Die Printen werden besser, je länger sie liegen“, verrät mir die Chefin, als ich mich mit Mitbringseln eindecke. Ob das stimmt, werde ich wohl nie erfahren: Sie schmecken einfach zu gut zum Liegenlassen.

Friwi-Chefin Nadja Witte vor kupfernen Keks-Rollen in der Manufaktur (Foto: © Maike Grunwald)
 
Schrecklich romantisch: Fachwerk-Idyll Stolberg (Foto: © Maike Grunwald)

Infos & Adressen


Naturresort Schindelbruch
Klimaneutrales Hotel, 2.500 qm Wellnesslandschaft, Restaurants, Fitness, Bibliothek. Wellness-Arrangements mit zwei Übernachtungen inkl. Frühstück & Abendessen, Spa-Anwendung, weiteren Extras ab 207 Euro p.P.
www.schindelbruch.de


Stolberg-Highlights


Bäckerei/Konditorei Friwi
Gebäck & Schokoladen seit 1891
Café: Niedergasse 2, Manufaktur/Shop: Niedergasse 51
www.friwi.de

Museum Alte Münze
Niedergasse 19. Eintritt frei, Spende erwünscht
Infos & Öffnungszeiten  


Josephskreuz & Bergstüb'l

Aussichtsturm: ganzjährig geöffnet
Die Gaststätte mit harztypischen Spezialitäten: ganzjährig geöffnet, außer im November. Extras: Geführte Wanderungen, individuelle Arrangements.
www.bergstuebl-josephskreuz.de

Schloss Stolberg
Trotz Renovierung geöffnet. Eintritt frei, Spende erwünscht
Freitags Abendführungen ab 20 Uhr mit „Sophia von Habenichts“.
www.tourismus-suedharz.de


Ausflüge


Grube Glasebach
Bergwerksmuseum, 6 km vom Schindelbruch
www.grube-glasebach.de

Schauhöhle Heimkehle
10 km von Stolberg: Karsthöhle, Mahnmal, Fleder­maus­quartier
www.hoehle-heimkehle.de

Kyffhäuser-Denkmal
26 km von Stolberg
www.kyffhaeuser-denkmal.de
 

Tipps & Infos

Tourist-Information Stolberg
Mit Ausstellung zur Natur im Biosphärenreservat
Markt 2, Tel. 034654/454, www.tourismus-suedharz.de

Mehr zum Biosphärenreservat Kartslandschaft Südharz:
www.bioreskarstsuedharz.de


Mehr Informationen: www.harzinfo.de

Inspirationen

Schöne Bilder und tolle Tipps zeigt Janett in ihrem Stolberg-Artikel auf Teilzeitreisender.de 


Dieser Artikel erschien am 15. September 2014 in leicht gekürzter Form in dem Online-Magazin "Berliner Akzente" und wurde seitdem zwei Mal aktualisiert, zuletzt am 12. Juni 2016.
 
 
Die Reise wurde unterstützt von: Naturresort Schindelbruch, IMG Sachsen-Anhalt.


 

Kommentare:

  1. sieht richtig toll dort aus :) perfekt für einee ausflug

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, es ist auch so schön nah - sogar von Berlin aus sind's nur zwei Stunden. Schönes WE Dir :-)

      Löschen
  2. Ach Meike, ein Artikel über den Harz, meine alte Heimat. Ich kenne zwar eher den Norden und das noch mit Grenze, aber da werden Kindheitserinnerungne wach. Mich ärgert schon lange, dass der Harz so vor sich hindümpelt. Aber wie es aussieht gibt es zumindest im Süden ein tolles Hotel. Cool. Ich muss zurück in den Harz!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also ich war begeistert, wie man merkt :-) Da dümpelt nix, in Stolberg selbst ist auch was los, das Schloss wird schön restauriert und das Gebäck der Friwi-Manufaktur scheint sogar international gefragt zu sein. Ja, und das Naturresort ist wirklich top. Fahr mal wieder hin, wahrscheinlich wirst Du überrascht sein :-) Danke für den lieben Kommentar und liebe Grüße :-)

      Löschen
  3. Oh wow, das sind tolle Fotos. Ich bin jetzt auch Leserin deines tollen Blogs geworden, da ich deine Posts super finde. Wenn du magst schau gern mal bei mir vorbei, ich würde mich freuen. Lg Petra
    www.diebuntetestwelt.blogspot.de

    AntwortenLöschen
  4. Wir wollen dieses Jahr auch noch in den Harz und hoffen auf viel Schnee und tolles Wetter. Letztes Jahr war der Schneefall wohl ziemlich gut oder?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Marie, im Winter war ich noch nie im Harz, daher kann ich Deine Frage gar nicht aus erster Hand beantworten. Aber ich bin mir sicher, dass er mit Schnee ebenfalls ganz fantastisch aussieht! Auf jeden Fall wünsche ich Euch tolles Wetter und viel Spaß im Harz!

      Löschen
  5. Im Herbst ist der Harz am schönsten - das kann ich nur bestätigen! Ganz besonders im Osten, wo es ausgedehnte Laubmischwälder gibt. Übrigens kann man in Stolberg auch hervorragend speisen, zum Beispiel im mittelalterlich anmutenden Gasthaus Kupfer.

    AntwortenLöschen
  6. Tatsächlich ist der Herbst die beste Zeit für den Harz.
    Wenn der einzigartige, nasse Herbstgeruch aufkommt...
    Toller Blog, weiter so!

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...