Montag, 8. Dezember 2014

Krasse Zwerge, süße Riesen: Advent in "WrocLove" (Breslau)

http://www.reisetageblog.de/2014/12/zwerge-riesen-advent-breslau-wroclaw-weihnachtsmarkt-polen.html#more
Vorm Rathaus in WrocLove (Foto: © Maike Grunwald)
(Reise, Breslau/Wrocław, Polen, Maike Grunwald) Der Hühne hinter der Ladentheke ist eigentlich nicht mein Typ: Aufgepumpte Muskelberge, Glatze, Körpersprache wie der Wrestling-Star "The Rock" - eine Kreatur zum Fürchten. Trotzdem ist er für mich der süßeste Mann der Stadt. Der Herr der Pralinen und schokoladenumhüllten Stachelbeeren. Der freundliche Verkäufer hinter der Theke in meinem Lieblingssüßwarengeschäft direkt am Rynek, dem malerischen Marktplatz der polnischen Oderstadt Wrocław (Breslau, ausgesprochen: "Wrotzlaf").

Blick ins Schaufenster meines Lieblingssüßigkeitenladens (Foto: © Maike Grunwald)

Johannisbeeren, umhüllt mit Schokolade

Mit der Geduld eines Engels und einem winzigen Schäufelchen in der aktenkoffergroßen Pranke erfüllt er meinen unüberlegten, unverschämten Wunsch: "Von jedem eins! Für 200 Gramm." Also: jeweils eine schokoloadenumhüllte Johannisbeere, eine Schoko-Kirsche, eine Schoko-Moosbeere, eine Schoko-Erdbeere, jeweils ein Schoko-Rhabarber-, -Feigen-, und -Dattelstückchen... Es gibt mindestens 30 Sorten. 

Jedes Schoko-Frucht-Bonbon legt er sanft in das kleine Tütchen auf der Waage, wobei er es einzeln wiegt, denn die 100-Gramm-Preise sind je nach Obstsorte unterschiedlich. Eine ganze Weile später, in der mir die Tragweite meines Anliegens erst klar wird, habe ich eine Papiertüte voll von köstlichen Süßigkeiten-Variationen, einen ellenlangen Kassenbon über 9,36 Zloty (etwa zwei Euro fünfzig) und ein schlechtes Gewissen. 

Süße Geschenke aus Breslau

Ingrid kann sich bei der Riesenauswahl nicht entscheiden (Foto: © Maike Grunwald)
Aber nur kurz, zu verzückt bin ich vom "Sklep cukierniczy" ("Laden der Zuckerbäcker", Adresse: Rynek 42), der an ein altmodisches Tante-Emma-Lädchen mit Schokoladenschwerpunkt erinnert: Unter der handgemalten Retro-Reklame an der Wand türmt sich ein Sortiment aus klassisch-nostalgischen Pralinenschachteln, schön verpackten Schokoladen und Süßwaren jeder Art.

Kauend und mit essbaren Weihnachtsgeschenken beladen verlassen Ingrid und ich schließlich das Geschäft, das wir zufällig entdeckt haben, und wenden uns unserem ursprünglichen Shopping-Ziel zu: Dem Breslauer Weihnachtsmarkt.

Duftende Tannen und gegrillter Schafskäse


Vor der acht Meter hohen Weihnachtspyramide auf dem Rynek (Foto: © Maike Grunwald)
Die weltoffene, 1000 Jahre alte, kulturell aufregende und lebendige Studentenstadt Breslau ist mit ihrer romantischen Altstadt und der Fülle an originellen Cafés und Kneipen ohnehin einen Besuch wert. Zur Adventszeit verleiht ihr ein Meer von funkelnden Lichtern, duftenden Tannen und Holzbuden einen ganz besonderen Zauber. 

Der Weihnachtsmarkt auf dem Rynek mit dem gotischen Rathaus lockt mit Leckereien aus aller Welt: ungarische Kolatschen, französische Crème brûlée, italienische gebackene Kastanien, litauische und Thüringer Würste, österreichischer Käse, polnische "Pierogi Ruskie" ("Russische Piroggen", die allerdings in Russland anders sind) mit verschiedenen Füllungen, Lebkuchen, Schokoladen und gebrannte Mandeln oder Nüsse. 

Mein Top-Tipp ist eine polnische Spezialität: "Oscypek", geräucherter Schafshartkäse aus Zakopane in der Tatra, heiß vom Grill serviert mit Moosbeerenmarmelade - zum Reinlegen! Eingeschweißt ist der Käse auch ein tolles Weihnachtsgeschenk, ebenso die schön gestalteten Breslauer Lebkuchen (Pierniki Wrocławski), die in der kleinen hölzernen Windmühle auf dem Marktplatz verkauft werden.


Weihnachtsmarkt als neuer Trend

Pierniki Wrocławski - Breslauer Lebkuchen (Foto: © Maike Grunwald)
Die Glühweine kommen übrigens alle direkt aus Deutschland, bis auf den "Wrocławski" ("aus Breslau"), der wirklich eine lokale Spezialität ist und auch sehr lecker schmeckt. Weihnachtsmärkte sind in Polen überhaupt ein relativ neuer West-Import. In der Sowjet-Zeit wäre eine Kombination aus kapitalistischem "Markt" und christlichem "Weihnachten" wohl schwierig gewesen. Außerdem ist die Adventszeit im katholischen Polen traditionell eigentlich Fastenzeit. Trotzdem erfreuen sich Weihnachtsmärkte in mehreren polnischen Städten wachsender Beliebtheit. "Beim ersten Wrocławer Markt vor sieben Jahren hatten wir gerade mal 40 Euro Tagesumsatz", erzählt uns ein Glühweinstand-Betreiber aus Magdeburg. "Heute können wir nicht klagen!". 

Der Breslauer Weihachtsmarkt wird jedes Jahr größer. Diesen Advent stehen die lichtergeschmückten Tannen und Buden nicht nur auf dem Marktplatz der Studentenstadt, sondern ziehen sich auch die Einkaufsstraße ul. Świdnicka entlang. Die vielen Läden in der Altstadt sind ganzjährig wundervoll zum Geschenke-Shopping, ob Schönes für die Wohnung, Hüte oder Schmuck. Reinschauen lohnt sich gerade bei den kleinen Läden, oft findet man etwas Besonderes.

Bernsteinschmuck und handgenähte Katzen


Zwei davon habe ich mitgenommen (Foto: © Maike Grunwald)
Im großen Einkaufszentrum am Ende der Straße kaufen Ingrid und ich beschämende Mengen an Süßigkeiten, Wodka und Bier - immerhin alles polnische Spezialitäten und zum Verschenken gedacht (zumindest ist das der Plan). 

 Blick in ein Galerie-Fenster in der malerischen Stare Jatki (Foto: © Maike Grunwald)
Auf dem Weihnachtsmarkt sehen wir mehr schöne polnische Geschenke, als wir tragen könnten: entzückendes Kunsthandwerk (Breslau ist berühmt für Glas und Keramik, ich habe hingegen Stoffkatzen gekauft), Bernsteinschmuck aus Gdańsk (Danzig), Honig aus Großpolen, eingelegte Pfifferlinge, Schnitzereien und handgenähte Taschen. Vor einem Häuschen warten Pärchen darauf, dass die Schmuck-Verkäuferin ihre Namen in silberne Herzchen-Anhänger graviert.


Krasnale - die kleinen Krassen

Professor Zwerg steht vor der Uni (Foto: © Maike Grunwald)
Überall - nicht nur in der "Märchenwelt" für die kleinsten Weihnachtsmarkt-Besucher, sondern in der ganzen Stadt - treffen wir auf Zwerge, "Krasnale" auf Polnisch. Die spitzhütigen Wahrzeichen von "WrocLove", wie die über 1000 Jahre alte Oderstadt liebevoll genannt wird, haben eigentlich einen politischen Hintergrund: In den späten Achzigerjahren hatte die künstlerische Oppositionsbewegung "Orange Alternative" mit spontanen Happenings und Aktionen Kritik am kommunistischen Regime in Polen geübt, zum Beispiel Demonstrationen im Zwergenkostüm. Dabei stellten sie auch einen gusseiserne Zwerg in der Altstadt von Wrocław auf.

"Papa Krasnal" in der Świdnicka-Straße erinnert an diese Zeit. Nach und nach kamen immer mehr Breslauer Krasnale hinzu. Heute stehen sie an jeder Straßenecke der Studentenstadt, die 2016 den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" trägt, und sind eine witzige Touristenattraktion mit eigenem Wikipedia-Eintrag und einer Website mit Zwergen-Stadtplan in vier Sprachen.

Besonders beliebt ist natürlich der Geschenkezwerg "Prezentuś", der nur zur Adventszeit auf dem Weihnachtsmarkt auftaucht: Wer seine Kappe drei Mal berührt, dessen Wünsche werden in Erfüllung gehen.

Blick in ein Schaufenster der vielen Schmuckgeschäfte in der Altstadt (Foto: © Maike Grunwald)

Reise-Infos 


Anreise
Der IC Bus fährt in vier Stunden von Berlin direkt nach Wrocław (1x täglich, ab 19 Euro), www.bahn.de

Unterkunft
Hotel Patio: Das Innendesign ist nicht der Knaller, dafür ist das Frühstücksbuffet für ein Drei-Sterne-Haus außergewöhnlich gut und die Lage ideal: mitten in der malerischen Altstadt, zwei Gehminuten vom Rynek. Rund 70 Euro pro Nacht im Doppelzimmer,auf Wunsch auch mit Einzelbetten. www.hotelpatio.pl/de

Breslauer Weihnachtsmarkt 
21. November bis 22. Dezember, 10-21 Uhr
Termine:
13. Dezember: Eisbildhauer fertigen den Schlitten des Weihnachtsmannes
14. Dezember: Die Eiskönigin gibt sich die Ehre mit einer großen Parade  
20. Dezember: Klassische polnische Weihnachtslieder beim großen Konzert der Breslauer Sängergruppen.
www.jarmarkbozonarodzeniowy.com

Reiseführer 
"Breslau: Niederschlesien und seine tausendjährige Hauptstadt" von Klaus Klöppel, Trescher Verlag, 14,95 Euro
Idealer Handtaschen-Begleiter mit Karten und vielen Hintergrundinfos, 2014 in neuer aktualisierter Auflage erschienen, www.trescher-verlag.de

Mehr Infos auf Polen.Travel vom Polnischen Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel/de/

Mehr märchenhafte Urlaubs-Tipps gibt's im Reiseblogger-Adventskalender von Teilzeitreisender.de:  24  Reiseblogger - täglich ein Ziel für die Weihnachtlichszeit! 

Einen schönen Weihnachtsmärkt gibt es auch in Gdańsk (Danzig), hier mehr dazu. Impressionen Christkindlmarkt in Augsburg hat Britta von SmartFamilyTravel mitfebracht.

 Die Reise wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt und der Deutschen Bahn.

Kommentare:

  1. Hach wie schön! *___*
    Weihnachtsmärkte kann man nie genug haben, vor allem wenn es soooo leckere Sachen zu essen gibt! An Schokoladenumhüllte Johannisbeeren hab ich noch nie gedacht und bin direkt verliebt! ;D
    Liebe Grüße
    Christina

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    1. Liebe Christina - es geht nichts über schokoladenumhüllte Johannisbeeren - moooment, die schokolandenumhüllten Stachelbeeren können da gut mithalten, sie sind auch säuerlich, ein toller Kontrast! Ich frage mich, ob von meinen süßen "Geschenken" an Weihnachten wirklich noch welche übrig sind :-) Ganz liebe Grüße! Maike

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  2. Breslau ist toll und der Weihnachtsmarkt sowieso :) Du musst unbedingt mal nach Warschau. Der Weihnachtsmarkt auf dem Kultupalast im Zentrum grenzt an einem Winterwunderland!

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    1. Liebe Sabine, Warschau steht sowiso ganz oben auf meiner Liste - danke für den Tipp, zur Adventszeit zu fahren!

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