Mittwoch, 14. Juni 2017

Entlang der Loire zum Atlantik: Radeln wie Bacchus in Frankreich

Zwischen Saumur und Nantes: Mit einer handbetriebenen Kettenfähre überqueren wir den Loire-Nebenfluss Authion (Foto © Privat / Maike Grunwald)
Wein, Weib, Schlösser – und jede Menge Streit: Wie wir bei einer Radwanderung entlang der Loire an unsere Grenzen gerieten und erkannten: „In Vino veritas“ ist Quatsch. 



Radeln von Märchenschloss zu Märchenschloss


Es hätte so schön sein können. Es ist doch auch schön. Vielleicht zu traumhaft schön, um wahr zu sein. Wahrscheinlich haben wir uns deshalb ausgerechnet Saumur ausgesucht, dieses fast unerträglich pittoreske französische Städtchen an der Loire, um uns so richtig grässlich anzuzicken. 

Blick vom Radweg auf Saumur an der Loire (Foto © Maike Grunwald)


Dabei hat sie so gut angefangen, unsere neuntägige Radwandertour von Märchenschloss zu Märchenschloss, Prachtgarten zu Prachtgarten, durch einige der reizvollsten Orte und Landschaften Frankreichs. Damals an der Uni waren wir unzertrennlich, meine liebe Studienfreundin, nennen wir sie mal Charlotte, und ich. Jetzt wollen wir alte Zeiten wiederaufleben lassen. Gemeinsam von Blois bis an den Atlantik radeln, die Gärten und Châteaus bestaunen, in gutem Essen und edlem Wein schwelgen und dabei gleichzeitig etwas für die Figur tun.

Soweit der Plan.

Das passende touristische Konzept ist vorhanden und unter Kennern beliebt: "La Loire à Vélo", rund 800 Kilometer gut ausgeschilderte Radwege mit keinem oder wenig Autoverkehr, meist ohne große Steigungen am Fluss entlang auf bequemem Untergrund, ausgestattet mit Fahrradverleih- und Reparaturstationen, Picknickbänken, freundlichen Pensionen und Cafés. Und mit zahllosen Weinkellern, die Degustationen anbieten. 


Chateau Villandry mit seinen weltberühmten Renaissancegärten (Foto © Maike Grunwald)

Ehrgeizige Etappen und enthemmende Getränke


Vielleicht hätte uns vorher klar sein sollen, dass die Kombination "weltberühmte Weinregion" und "streckenweise anspruchsvoller Fernradweg" Widersprüche birgt. Vielleicht hätten wir akzeptieren sollen, dass wir keine Zwanzig mehr sind. Dass wir nicht mehr so fit sind und weniger Promille vertragen. Dass es riskant ist, sich erst jahrelang kaum zu sehen und dann tagelang Hunderte Kilometer gemeinsam durch südliche Gefilde zu strampeln, um dann abends erschöpft und dehydriert enthemmende Getränke zu konsumieren. 


'Sauf' heißt eigentlich nur 'außer', 'bis auf', weckt in der Weinregion aber andere Assoziationen (Foto © Maike Grunwald)


Wir hätten bedenken müssen, dass erste Ansätze von Altersstarrsinn schon Dreiundvierzigjährige befallen können. Nennen wir sie mal Charlotte. 


Die Sache mit den Rädern


Sie wollte ja partout mit ihrem eigenen Rad fahren. Misstrauen gegenüber Leihrädern ist normalerweise ja durchaus gesund, die Loire-Vélos sind jedoch tadellos: Topzustand, verlässlich, picobello Schaltung, Bremsen, Licht. Einziges Manko ist der breite Damensattel, von vielen verschmäht, weil auf Dauer unbequem. Aber den eigenen Sattel kann man sich doch mitbringen! 


Einfacher jedenfalls als das ganze Rad. Das man dann auch wieder zurücktransportieren muss. Während der Witz des Loireradwanderkonzepts doch ist, dass man eine Strecke fährt, das Rad am Ende einfach woanders abgibt und bequem mit dem TGV-Hochgeschwindigkeitszug zurück nach Paris düst. Mit ihrem Rad ist Charlotte jedoch an bestimmte Regionalbahnen gebunden, wie sich erst unterwegs bestätigt und was unseren ganzen Zeitplan durcheinanderbringt. Die letzte Etappe von Nantes zum Atlantik werde ich alleine fahren müssen.

 Trotz Vorurteilen gegen Miet-Räder: Mit meinem Leih-Vélo kam ich gut klar (Foto © Maike Grunwald)

Rendez-vous am Märchenschloss


Zu Beginn war es ja noch spannend, dass wir, auch wegen des Radkonflikts, getrennt anreisten. Charlotte zuckelte von Paris mit dem Regionalzug nach Orléans und begann dort ihre Tour. Ich sauste zwei Tage später mit dem TGV an ihr vorbei nach Blois, wo ich mein Vélo auslieh und ihr entgegenradelte. Wir trafen uns am Château de Chambord. Tatsächlich ist das größte aller Loire-Schlösser 15 Kilometer östlich von Blois noch beeindruckender als im Reiseführer: 156 Meter lang, 426 Räume, umgeben von einem 5500 Hektar großem Park.

Wir waren begeistert von dem überkandidelten Renaissancebauwerk und seiner illustren Geschichte, garniert mit Figuren wie Leonardo da Vinci, Molière und Louis XIV., skurrilen Anekdoten und bösen Intrigen. So wie es sich gehört für ein ordentliches Loireschloss. 


Wird manchmal mit einer wild frisierten Dame verglichen: Château de Chambord (Foto © Maike Grunwald)



Eine Flusslandschaft, wild wie die Dorfjugend


Durch Blumenfelder und bezaubernde Auenlandschaft radelten wir dann nach Blois, die Stadt der Könige, die auf Hügeln hoch über der Loire thront. 


Startpunkt unserer Fahrt ist das idyllische Städtchen Blois (Foto © Maike Grunwald)

Das dortige Renaissanceschloss empfing uns in abendlicher Festbeleuchtung. Eingelullt von einem Abendessen im Michelin-Stern-Restaurant "L'Annexe" genossen wir den Blick auf den ungezähmten Fluss und die nicht minder wilde Dorfjugend, die mit Rädern die langen und extrem steilen Treppen der malerischen Altstadt hinunterdonnerte wie wahnsinnige Stuntmen. 


Die Loire wurde nie begradigt - Naturidylle wie diese begleitete unsere Fahrt (Foto © Maike Grunwald)

Wahrscheinlich brauchen junge Menschen hier derartige Adrenalinkicks, weil sie schon ganz abgestumpft sind von der fast unwirklichen Romantik des Loiretals.

Das Gartenreich von Château Chaumont


Wir nicht. Atemberaubend, die Landschaft dieses Flusses, der nie begradigt worden ist! Das Château Chaumont, ein Schloss wie aus einem Disney-Film, bietet einen sagenhaften Blick über die Loire. Jedes Jahr, von Ende April bis Anfang November ist es Schauplatz eines berühmten Internationalen Gartenfestivals. Mehr als 550 Prototypen für die Gärten der Zukunft sind so in zwei Jahrzehnten entstanden und geblieben, vom verträumten Wasserparadies bis zur verspielten Haute-Couture-Allegorie mit Tüll-Blumenbeeten und gesellschaftskritischer Botschaft. Jedes Jahr kommen neue hinzu. 

Château Chaumont ist bekannt für seine Gärten (Foto © Maike Grunwald)



In Da Vincis Paradies


Wir strampelten weiter zum Königsschloss von Amboise und dem Château du Clos Lucé, letzter Wohnsitz von Leonardo Da Vinci und ganz seiner faszinierenden Welt gewidmet. Auch ein hölzernes Fahrrad gehört zu der Sammlung. Charlotte hatte derweil ihre erste Panne erlitten und wir unseren zweiten Streit. Die Schlösser, Da Vincis Garten, eine Weinverkostung im Caveau des Vignerons und regionale Spezialitäten glätteten die Wogen. Noch leugneten wir, dass wir uns überschätzt hatten. 

Blick vom Schloss auf die Dächer von Amboise (Foto © Maike Grunwald)


Im Garten von Leonardo Da Vinci in Amboise (Foto © Maike Grunwald)



Historische Städtchen und Renaissancegärten


Diesen Irrglauben konnten wir uns bis Tours bewahren, weil wir mit dem Zug dorthinfuhren. Dass man je nach Laune zwischendurch mit den Rädern in den Regionalzug hüpfen kann, ist ein Vorteil des Loire-Radwegs. Elsa und Pierre, die als "Greeter" ("Begrüßer") Touristen ehrenamtlich herumführen, zeigten uns die sehenswerte Stadt. Die Harmonie überdauerte leider nicht die 25 Kilometer bis zu dem malerischen Ort Langeais. 

  Ein Lieblingsort: Der Platz vor dem Schloss in Langeais (Foto © Maike Grunwald)


Schuld war wohl der Abstecher zum Schloss Villandry mit seinen Renaissancegärten. Ein lohnenswerter Besuch, aber mit Folgen. Wir gerieten unter Zeitdruck – Stoff für Streit. 

Château Villandry  (Foto © Maike Grunwald)


Am Dornröschenschloss vorbei nach Saumur


Für die 44-Kilometer-Etappe von Langeais bis Saumur hatten wir drei Stunden eingeplant. Zu wenig! Das Dornröschenschloss Château d'Ussé, Orte wie Montsoreau, gewählt zum schönsten Dorf Frankreichs, die in Tuffsteinhöhlen gebauten Häuser, der traumhafte Blick hinab auf Saumur – das alles will bewundert und fotografiert werden! Aber meine Begleitung denkt schon an die geplante Führung der Sektkellerei Bouvet Ladubay und treibt uns voran.



Château d'Ussé ist als 'Dornröschenschloss' bekannt  (Foto © Maike Grunwald)

Viele Häuser sind direkt in die Felsen gebaut (Foto © Maike Grunwald)


Bouvet Ladubay: Radeln durch die Kellerei-Gewölbe


Zugegeben, die Besichtigung der 1851 gegründete Kellerei Bouvet Ladubay, in der edle Tropfen nach Champagnermethode hergestellt werden, ist lohnenswert. Ein Highlight ist die Erkundungstour per Fahrrad durch die Gewölbe. Gerade noch strampelten wir streitend oben durch die glühend heißen, steilen Weinberge, nun kurven wir kichernd im Dunkeln durch die 12 Grad kühlen Keller unter Saumur und verkosten perlenden Crémant. Abends im "Bistrot de la place" schwelgen wir munter weiter in Bouvet-Sekt, der leider so gut schmeckt, dass die Nacht sehr unruhig wird. 

Bei der Radtour durch die Gewölbe der Sektkellerei Bouvet Ladubay verkosten wir perlenden Crémant  (Foto © Maike Grunwald)


Vom Garten Eden zur Apokalypse


Den Preis bezahlen wir am nächsten Tag: 48 Kilometer sind es bis Angers. Der Radweg führt durch die spektakulären Landschaften des Naturparks der Flüsse Loire und Authion, die Wiege des Gartenbaus von Anjou und die Mondlandschaft historischer Schieferbrüche. Im Château d'Angers, der schwarz-weiß gestreiften Festungsanlage aus Schiefer und Kalkstein hoch über der Maine, bewundern wir das Juwel der mittelalterlichen Stadt: Einen 130 Meter langen Wandteppich aus dem 14. Jahrhundert von unschätzbaren Wert. Das Motiv: die Apokalypse. 



Beim Picknick genießen wir den idyllischen Fluss-Blick (Foto © Maike Grunwald)y


Verliebt in Nantes


Der nächste Tag verläuft friedlich. Während Charlotte in einem Wahn von Sportlichkeit 100 Kilometer nach Nantes radelt, nehme ich den Zug und verbringe den Tag damit, mich in diese kreative Stadt zu verlieben. Ich schlendere durch den historischen botanischen Garten, radele durch den mittelalterlichen Stadtkern, bestaune die modernen Kunstwerke, die überall herumstehen und schippere über den Fluss nach Trentemoult, ein pittoreskes früheres Fischerdorf, das auch in den Geschichten von Jules Verne vorkommt. Dem Sohn der Stadt, dem auch ein Museum gewidmet ist, begegnet man überall in Nantes. 

Riesen-Elefant im Kunstparkt 'Les Machines de l'île' (Foto © Maike Grunwald)

So auch in dem fantastischen interaktiven Kunstpark "Les Machines de l'île". Schilder warnen vor dem 12 Meter hohen, 50 Tonnen schweren Elefanten aus Stahl, der mit bis zu 50 Passagieren über die Insel stapft. Im einem gigantischen Meereskreaturenkarussell sitzen Besucher auf skurrilen Tiefseefischen, Kraken und Garnelen. Ein Riesenspaß für Erwachsene und Kinder ab 1,35 Meter. 


Auf dem Karussell von 'Les Machines de l'île' fühle ich mich wie eine Achtjährige (Foto © Maike Grunwald)


In Vino veritas ist Quatsch


Abends bei einem Glas Muscadet trinken Charlotte und ich auf unsere Freundschaft und kommen zu dem Schluss: In Vino veritas ist Quatsch. In Wahrheit mögen wir uns doch. In Vélo veritas? Schon eher. Wir werden wieder eine Loire-Radtour machen – dann mit realistischen Etappen. 

  Es sind Eindrücke wie diese, die man nie vergisst (Foto © Maike Grunwal


Infos & Lieblingsadressen

 
Anreise
Von Paris mit dem TGV oder Regionalzug nach Orléans oder Blois. Achtung: Wer sein eigenes Rad mitnehmen will, sollte sich vorher genau über die Fahreadmitnahme-Möglichkeiten der Züge informieren! 

Radweg 


La Loire à Vélo: 800 Kilometer lang und gut ausgeschildert. Man radelt an den Ufern der Loire und ihrer Zuflüsse, meist sogar frei vom Autoverkehr. In der Region gibt es mehr als 20 Radverleiher, viele bieten auch Pakete mit Übernachtungen sowie Radwanderungen mit Gepäcktransport, Picknickkorb, Rücktransport sowie verschiedene Tagestouren organisieren. Miete für ein Rad: ab 12 Euro pro Tag, zum Beispiel bei www.loirevelonature.com
Mehr Infos, Karten und App-Download: www.loire-radweg.org 

Blumenfelder: Die Gegend gilt nicht umsonst als 'Garten Frankreichs' (Foto © Maike Grunwal

Lieblingsunterkünfte (Auswahl)

 
Blois: „La Maison de Thomas“, sympathische Pension im Herzen der Altstadt mit gutem Weinkeller, www.lamaisondethomas.fr 


Langeais: „L'Ange est Rêveur“ („Der Engel ist ein Träumer“), charmante Pension mit Schlossblick, www.langeaisreveur.fr 

Nantes: „L'Hôtel“, schönes modernes Hotel im Herzen der Altstadt, www.nanteshotel.com 

  Im Garten der entzückenden Pension „L'Ange est Rêveur“ (Foto © Maike Grunwald)

Tipps für Essen & Trinken (Auswahl) 


Saumur: Sektkellerei „Bouvet Ladubay“, www.bouvetladubay.com/de 

Angers: Restaurant „Le Petit Comptoir“, www.restaurant.michelin.fr 

Nantes: „Maison des Vins“, www.vinsvaldeloire.fr/de_de 

Blumen-Schlange im Botanischen Garten von Nantes (Foto © Maike Grunwald)

Auskunft 

Atout France, de.rendezvousenfrance.com 

Hinweis: Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Atout France, der offiziellen Tousmuszentrale des Landes. Dieser Text beruht jedoch natürlich auf meiner eigenen Meinung.

Dieser Artikel erschien am 8. August 2015 in leicht gekürzter und veränderter Form im Reiseteil der Zeitung DIE WELT.

Kommentare:

  1. Hand ferry, not seen one of those. Used to be a couple along the Thames years ago.

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  2. Antworten
    1. Es soll auch schöne Hausboottouren auf der Loire geben - aber die Radtour würde ich auf jeden Fall gerne noch einmal machen, dann mit etwas mehr Zeit :-)

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  3. Das sieht ja wirklich aus wie aus einem Märchen geschnitten. Klasse!

    LG Mel

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    1. Ja, es war echt unglaublich schön dort :-)

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  4. Da stimme ich Mel vollkommen zu :) Und schön, dass ihr mit dem Rad unterwegs seid. Da sieht man gleich viel mehr !

    LG
    Britta

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  5. Ein kurzer aber schöner Bericht. Sehr nützlich übrigens der Hinweis auf die Problematik von Leihrad/Eignes Rad und die Meinungsverschiedenheiten über Aktivitäten unterwegs. Finde ich ziemlich wichtig.

    Ich möchte Juni 2016 mit einem guten Freund eine Loiretour machen, der zuvor nie eine Radreise gemacht hat. 14 Tage. Ich bin kein Freund von Leihrädern, weil sie mich verpflichten irgendwann an einem bestimmten Ort zu sein. Das eigne Rad ist einem technisch besser vertraut, wenn man es auch Zuhause im Alltag benutzt. Die Anreise ist natürlich mühselig und bei so einer Kurzreise (Radreisen sollten mindesten 4 Wochen dauern) ist es besser, gleich bis Nantes anzureisen und von dort die Loire Richtung Deutschland radeln. Dann hat man nur noch eine Reststrecke für den Heimweg. Und ich glaube, man hat auch mehr Rückenwind in diese Richtung.

    Am stressfreiesten ist es, einfach ins Blaue hinein zu radeln und sich dann im Laufe des Tages an einem Ort fürs Übernachten oder Aufenthalt zu entscheiden. Also niemals zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein zu müssen. Dann kann man sich auch nicht "verfahren", braucht keine Kartensammlung zu studieren oder Navi zu nutzen. Nur der Weg ist das Ziel und ein Kompass zeigt die Richtung.

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