Sonntag, 5. September 2010

Polen, 4.Tag: Abschied von Świętokrzyskie

Kielce hat einen schönen Dom und einen prächtigen barocken Bischofspalast, in dem sich ein Museum befindet (Foto: Maike Grunwald)
(Reise, Polen, Maike Grunwald) Heute heißt es Abschied nehmen vom Heiligenkreuzgebirge, dem Land der Hexen, Mönche, Ritter und Träumer. In den wenigen Tagen habe ich diese seltsame Region, die keiner kennt und die so viel zu bieten hat, richtig lieb gewonnen.
Polnischer Pop mit Feuerwerk und Lichtshows: Hexensabbat-Konzert im Amphitheater in Kielce  (Foto: Maike Grunwald)
Wir sind in Kielce, der größten Stadt der Woiwodschaft Świętokrzyskie, und geraten mitten in ein großes Hexenfestival. Gestern Abend waren wir auf einem Freilichtkonzert in dem Amphiteater der Stadt. Es liegt inmitten eines atemberaubenden Geo-Parks, dem vielleicht größten Highlight der ansonsten eher bescheidenen Stadt. Dramatische Felsen, alte Steinbrüche, Höhlen und bizarre Formationen, zwischen denen sich Wasser sammelt, liegen dicht beeinander. Hier hat man zahlreiche Fossilien gefunden.

Das Konzert im Amphitheater stand unter dem Motto eines Hexensabbats. Es war ein wildes Feuerwerk polnischer Popkunst. Hexen auf Motorrädern, verrückte Lightshows, Tanzeinlagen mit Heeren von Tänzern, Leuchtraketen und Böller, spärlich bekleidete Moderatorinnen im Sado-Barbie-Look - ein bisschen wie der Eurovision Song Contest hoch zehn. Wir kannten zwar keinen der polnischen Superstars, konnten uns der unschlagbaren Stimmung des Publikums aber kaum entziehen.

Beim Hexen-Stadtfest in Kielce gibt es Schnitzereien und anderes Kunsthandwerk (Foto: Maike Grunwald)

Ruhiger ging es gestern Nachmittag in der Fußgängerzone der Stadt zu, wo zur Feier des Hexenfestes zahlreiche Stände aufgebaut waren. Es gab kulinarische Spezialitäten der Region, wie Honig, Ziegenkäse und deftige Wurst, gemischt mit Ständen, auf denen Kunsthandwerk, Schnitzereien, Schmuck und altmodische polnische Oma-Kopftücher verkauft wurden, die jetzt wieder modern sind.

Regionale Spezialitäten aus dem Heiligenkreuzgebirge: Honig und Schmuckgebinde aus Knoblauch (Foto: Maike Grunwald)
Die Stimmung auf dem Stadtfest war ausgelassen. Nicht nur viele Standbesitzer, auch Passanten waren verkleidet, vor allem natürlich als Hexen, dem Symbol der Region. Manche erschreckten sich gegenseitig. Eine fast kindliche Freude hing in der Luft, obwohl das Wetter grau war.

Kielce ist keine besonders prächtige Stadt, im Vergleich zu Krakau oder Danzig gibt es wenig Substanz, entspreched weniger hat die Stadt vom großen Kuchen der Sanierungsgelder abbekommen. Es gibt aber einen sehr schönen Dom und ein Nationalmuseum, das in einem prunkvollen, barocken Bischofspalast eingerichtet ist. Außerdem hat die Universitäts- und Industriestadt eine eigenartige Geschichte. Im zweiten Weltkrieg war sie ein Zentrum des Widerstandes gegen die Besetzung durch die Wehrmacht. Kurz nach Kriegsende erlangte die Stadt jedoch durch das Progrom von Kielce traurige Berühmtheit, als ein wilder Mob 42 jüdische Holocaust-Überlebende tötete und ungefähr doppelt so viele verletzte.

Das Kloster von Stopnica aus dem 17. Jh. hat einen wunderschönen Garten, in dem die Ruinen der zerstörten Kapelle stehen (Foto: Maike Grunwald)
Der Krieg ist auch 60 Jahre nach seinem Ende hier immer noch gegenwärtig. Vielleicht liegt es auch an den vielen Ruinen, die man überall noch findet. Oft sind sie einfach in die bestehenden Gebäude integriert.

Wie im Kloster von Stopnica, in dem wir auf dem Weg zum Flughafen Krakau einen Zwischenstopp einlegen. Das Kloster am Rande der Świętokrzyskie-Region wurde 1633 gegründet. Heute leben 12 Mönche hier, die sich "Väter des Herzens" nennen. Die Ruinen der ursprüngliche Kapelle des Klosters, die im Zweiten Weltkrieg  zerstört wurde, wirken geradezu malerisch in dem gepflegten Garten.
Pater Stanisław zeigt uns die "Tränen des Hiob", eine indonesische Planze, aus deren getrockneten Samen die Novizen Rosenkränze fertigen (Foto: Maike Grunwald)
Pater Stanisław Dadej, der uns erwartet hat, begrüßt uns so herzlich, als seien wir alle seine Schäfchen. Er zeigt uns das Kloster, in dem auch Mitbringsel von Missionaren aus Afrika und Indonesien ausgestellt sind. Mit vielen Anekdoten erzählt er die wechselvolle, oft auch schreckliche Geschichte des Klosters, das gegen Ende des zweiten Welkrieges mit verletzten Soldaten und hungernden Flüchtlingen gefüllt war. Aber auch für diesen Teil der Klostergeschichte kennt der heitere Pater eine Anekdote mit Happy End, in der sich Jahre später Überlebende durch Zufall im Kloster wieder treffen.

Er kennt so viele Geschichten, dass uns der Kopf schwirrt, von einem Adligen, der sich nach seiner Auslösung aus dem Heiligen Land in Stopnica ein Harem gründete, bis hin zu der kürzlich verstorbenen Kloster-Kuh, die angeblich Kakao gab. Von den Gräueln, die in dieser Gegend während des Zweiten Weltkrieges stattgefunden haben müssen - Stopnica hatte früher eine große jüdische Gemeinde - erwähnt er nichts, vielleicht aus Höflichkeit den deutschen Gästen gegenüber.

Das Leben dieses Mannes könnte mit meinem kaum weniger gemein haben, denke ich, als er erzählt, dass er mit 15 ins Kloster ging und seit 23 Jahren hier in Stopnica lebt. "Jetzt bin ich 78 Jahre alt. Ich hoffe, der Chef da oben gewährt mir Eintritt in den Himmel, aber noch ist es nicht so weit", sagt er lächelnd, als ich ihn nach seienem Alter frage, und zeigt nach oben. Zum Abschied schenkt er uns Rosenkränze, die seine Novizen aus selbst gezogenen, getrockneten Pflanzensamen aufgefädelt haben. "Sie sind schon gesegnet", versichert er uns. Ich bin gerührt und heimlich dankbar, dass wir zwei Katholikinnen in unser Gruppe haben, so dass das wertvolle Geschenk noch an die richtige Adresse gerät. Das Trinkgeld, das wir unserer Reiseführerin als Dankeschön überreichten, landet dafür bei Pater Stanisław Dadej.

Meine bleibenden Eindrücke? Die Gastfreundschaft der Polen ist berührend, ihre optimistische Entschlossenheit muss man bewundern. Und: Das Heiligenkreuzgebirge muss man schnell besuchen, bevor es seine tüchtigen Bewohner allzusehr verändert und modernisiert haben.

© Maike Grunwald, www.maikegrunwald.com


Hier geht's zu den weiteren Folgen über die Region Świętokrzyskie:

Polen, 1. Tag: Was bitte ist Świętokrzyskie?
Polen, 2. Tag: Hexen & Mönche
Polen, 3. Tag: Ritter, Pferde und ein Paradies
Polen, 4.Tag: Abschied von Świętokrzyskie

Diese Reise wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt.


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