Samstag, 4. September 2010

Polen, 3. Tag: Ritter, Pferde und ein Paradies


Mittelalterfreak: Andrzej Borkowski (l.), der Beitzer des Ritterschlosses Zamek, mit einem Mitarbeiter (Foto: M. Grunwald)
(Reise, Polen, Maike Grunwald) Heute morgen bin ich extra früh aufgestanden, um das Ritterschloss zu erkunden, in dem wir die Nacht verbracht haben. Als wir gestern hier ankamen, war es schon dunkel, sogar sehr dunkel, der Sternenhimmel war fast so eindrucksvoll anzusehen wie in der Wüste. Jetzt bestätigt sich das, was ich schon gestern erahnt habe: Dieser Gebäudekomplex ist das Werk eines Zeitreisenden, der in die Vergangenheit verliebt ist.


Ritter-Romantik: An dem Holzgeländer vor dem alten Wachturm sind Felle zum Trocknen aufgehängt (Foto: M. Grunwald)
Das Ritterschloss-Hotel Zamek in Sobkow ist so hergerichtet, dass sich der Gast wie im Mittelalter fühlt, oder zumindest wie im 17. Jahrhundert. Die alten, niedrigen Gebäude, Stallungen und Kutschenhäuser sind entlang einer Festung aus dem 16. Jahrhundert angeordnet, von der noch Mauern und drei der ursprünglich vier viereckigen Wachtürme existieren.
Alle Gebäude sind liebevoll renoviert und enthalten schlicht gehaltene Gästezimmer oder stilecht ausgestattete Rittersäle für Hochzeiten und Feste. Inmitten der restaurierten Gebäude steht die Ruine eines klassizistischen Sommerschlosses, das um 1770 von der Szaniawski-Familie gebaut wurde. Prächtige Pfauen und mondäne Hühner laufen herum, überall hängen Wappen polnischer Fürstenfamilien, Pferde schnauben in den offenen Ställen, ein winziges Kätzchen liegt in der Morgensonne und schnurrt.



Jaskina Raj: Die berühmten Tropfsteinhöhlen (Foto: Paweł Pierściński)
Aber bevor ich das Rittergut in seiner ganzen morgendlichen Pracht erkunden und fotografieren kann, muss ich in den großen Rittersaal, wo wir zum Frühstück verabredet sind. Es ist eher ein Festmahl, reichhaltig, deftig und köstlich, sogar frisch geräucherte Forelle aus dem Fluss Nida wird von einer Zofe in historischer Tracht serviert. Leider haben wir es eilig, denn laut Programm müssen wir um neun Uhr bei den berühmten Tropfsteinhöhlen Jaskina Raj sein. Ihren Namen, der übersetzt "Paradies" heißt, tragen sie zu Recht.

Staunend gehen wir den 180 Meter langen Gang durch die verschiedenen Höhlen, die im Laufe von 60 Millionen Jahren entanden sind. In den letzten Jahrtausenden haben sich schöne und bizarre Gebilde aus Stalagmiten und Stalagtiten gebildet. Die Höhlen tragen Namen wie "Felsenmeerkammer", "Stalagtitensaal" und "Hochsaal", die Gebilde aus Tropfstein heißen je nach Form "Harfe", "Mutter Maria" oder "Löwe", vom "Weihnachtsmann" bis zum "Elefanten" oder "Reisfeld" kann man hier alles erkennen. Die lebenden Bewohner der Höhlen sind weniger romantisch, wenn auch ebenso schützenswelt: Große, schwach giftige Höhlennetzspinnen und Fledermäuse, die hier in Scharen überwintern.



Das Rittergut liegt direkt an dem Fluss Nida (Foto: Maike Grunwald)
Zurück im Ritterschloss treffen wir Andrzej Borkowski, den stolzen Besitzer, der sich in seinem historischen Kostüm offenbar pudelwohl fühlt. Er ist eigentlich ein Städter aus Warschau und hat keine Verbindung zu dieser Gegend. "Aber als ich die Schlossruine und die alten Gebäude sah, habe ich mich sofort verliebt. Ich habe Kredite aufgenommen und sogar mein Haus in Warschau verkauft, um das nötige Geld für die ersten Renovierungen zu bekommen, es war alles kaputt", erzählt er uns später bei einem opulenten Mittagessen im Rittersaal. "Alle hielten mich für verrückt, als ich vor 13 Jahren endgültig hierherzog. Meine Schwiegermutter redete jahrelang kein Wort mit mir. Aber sie hinterließ mir auch sehr viel Geld für das Schloss."
Eine der schönen Kutschen des Ritterschlosses (Foto: Maike Grunwald)
Die Idee, Gästezimmer und Lokalitäten für Hochzeiten und andere Feiern hier einzurichten, kam dem begeisterten Besitzer erst später, "der Traum von Ritterschloss muss ja auch finanziert werden", erklärt er. Naturfreunde und Mittelalterfans kommen in Zamek voll auf ihre Kosten: Es gibt einen Fuhrstall mit funktionstüchtigen Nachbauten historischer Kutschen und Ställe mit Arabern und anderen edlen Reitpferden. Regelmäßig finden Ritterspiele statt. Die bergige Gegend ist sehr schön und ideal für lange Ausritte. Im Schloss gibt es auch Kajaks, mit denen man den Fluss Nida mit dem Kajak entlang paddeln kann. "Wir wollen, dass man sich hier nicht als Tourist fühlt, sondern als Gast", sagt Andrzej Borkowski.


Patron und Amelka ziehen die Kutsche mal mehr und mal weniger bereitwillig (Foto: Maike Grunwald)
Wir sind zu einer Kutschfahrt eingeladen, die uns durch Felder und Wälder führt. Ein Bussard fliegt direkt vor uns auf, als der Kutscher die beiden Pferde einen Berg hinauf treibt. Von weitem sehen wir das mächtige Königschloss von Chęciny, eine gotische Burg aus der Zeit um 1300, auf einem Berg thronen.


Mieczysław Mazur hat die Zügel fest im Griff  (Foto: Maike Grunwald)
Unser Kutscher Mieczysław Mazur ist stilecht in ein historischen Kostüm gekleidet, dass die typische Tracht der Gutsherren im 17. Jahrhundert darstellen soll. Leider spricht er weder Deutsch noch Englisch, so dass unsere Reiseführin Ewa dolmetschen muss. Wenn sein Handy klingelt, werden die Pferde langsamer, "denn sie wissen aus Erfahrung, dass ich dann abgelenkt bin", erklärt er uns das Phänomen lachend.


Die Gegend um das Ritterschloss ist ideal für Ausritte (Foto: Maike Grunwald)
Im Wald begegnen uns Reiter. Es sind Mitarbeiter des Ritterschloss-Hotels, erklärt uns Ewa, "die bewegen jetzt die Pferde, damit sie später ruhiger sind, wenn wir reiten wollen." Tatsächlich wage ich mich später in den Sattel, aber nur auf der umzäunten Reitbahn im Hof des Ritterguts unter der Obhut eines Reitlehrers. Leider spricht er nur polnisch, aber irgendwie klappt's trotzdem. 

Abends heißt es Abschied nehmen von der Gastfreundschaft auf dem Rittergut. Wir müssen nach Kielce, wo wir heute abend zu einem Freilicht-Konzert eingeladen sind und die Nacht über bleiben.

© Maike Grunwald, www.maikegrunwald.com

Hier geht's zu den weiteren Folgen über die Region Świętokrzyskie:

Polen, 1. Tag: Was bitte ist Świętokrzyskie?
Polen, 2. Tag: Hexen & Mönche
Polen, 3. Tag: Ritter, Pferde und ein Paradies
Polen, 4.Tag: Abschied von Świętokrzyskie

Diese Reise wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt.

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